Ermüdend stehst du in einer Ruinen produzierenden Zeit. Du trauerst dem ein oder anderem, das im Vergehen begriffen ist, oder sich schon aufgelöst hat, nach. Als Beklemmung lässt sich die Körperwahrnehmung umschreiben. Schuld gesellt sich zu Scham, war das Wissen um die destruktiven Folgen dem Tun doch immer weit voraus. Zwischen den Welten wanderst du, zwischen Sein und Möglichkeit, zwischen Aufbruchsgeist und dem sich Fügen in den unabwendbaren Lauf der Dinge. Einsamkeit wird stärker, Wegmarken, die aus der Zukunft ziehen, lösen sich in Schatten auf. Nur manchmal hast du in tiefer Stille oder in deinen Träumen das Gefühl, dass sich etwas zu Dir neigt. Es spricht von jenem Frieden, der höher ist als die Vernunft einer scheiternden Welt. Ist das die Zeit für ein Wunder?
So weit ist es gekommen, dass man allenthalben den Satz vernimmt, es bedürfe eines Wunders, um die als entwurzelt und verloren wahrgenommene Kultur zu retten. Immer dann, wenn man mit dem Latein am Ende ist, die alten Methoden und Verfahren und die darauf bezogenen Handlungsrituale nicht mehr taugen, wenn man sich resignativ dem mitverursachten Schlamassel ergibt, kommt es als Letztbeschwörung ins Spiel.
Es ist jener Begriff, den eine wohl einzigartige Melange prägt: Der Geschmack von Ohnmacht, Hoffnung, kindlicher Unbekümmertheit und Trotz besänftigt das wallende Bewusstsein ein wenig. Es ist, als hätte man das nicht mehr zu Tragende und zu Ertragende an eine Instanz übergeben, die immer dann herbeiglaubt wird, wenn die irdischen Mächte sich als Pappkameraden erwiesen haben. Doch so vollkommen substanzfrei steht die Wundervorstellung nicht im Sprach- und Bewusstseinsraum des Menschen. Wir hätten gar keinen Begriff dafür, wenn es sie nicht gäbe und sie nicht immer wieder in der Geschichte die Linearität von Gegebenheit, Erfahrung und Erwartung durchbrochen hätte.
Das Zustandekommen eines Wunders entzieht sich unserer alltäglichen Einsicht. Es scheint den Naturgesetzen und der Hauptlinie bisheriger menschlicher Erfahrung zu widersprechen – wenn sich auch von Mensch zu Mensch stark unterscheidet, was als Wunder angesehen wird. Kein Versuch einer allgemeingültigen Definition trägt. Deshalb auch folgt dem Wundersamen immer der Zweifel. Bevor jedoch entsprechende innere Stimmen zu stark werden, mag der Blick auf einen Satz fallen, den Augustinus von Canterbury im 6. Jahrhundert sprach:
„Wunder stehen nicht im Gegensatz zur Natur, sondern nur im Gegensatz zu dem, was wir über die Natur wissen.“
Man kann Wunder allerdings auch als etwas betrachten, das sich weniger auf die scheinbare Außerkraftsetzung naturbedingter Geschehnisse richtet – ohne dies auszuschließen – als vielmehr auf Interventionen, die das Bewusstsein eines Menschen betreffen. Mit dessen Wandel und daraus resultierendem Handeln wandeln sich in der Folge die materiellen Gegebenheiten auf durchaus wunderbar erscheinende Weise mit.
Solches Wunderhafte bricht aus einer tieferen Wirklichkeit in das Menschliche hinein. In jener Wirklichkeit ist es angelegt und grundsätzlich verfügbar – vorausgesetzt, wir haben gelernt entsprechend zu schauen und mit intuitiver Offenheit und Kraft dem Wink der rechten Zeit zu folgen. Wunder und Kairos zeigen sich so als Zwillingswesenheiten.
Das Zauberwort des Wunders wird also getragen von einer immer schon anwesenden neuen Wirklichkeit, die darauf wartet, erkannt und gesehen zu werden. Ignorante und sture Eigenmächtigkeit verlängern demgegenüber die Einkerkerung in das Gewohnte und damit das, was für den Ist-Zustand ja mitverantwortlich ist. Das Wunder lebt davon, Kommendes zuzulassen und es willkommen zu heißen. Da es dem Heil folgt und dem, was wir Liebe nennen, richtet sich das Zulassen auf Lebensdienlichkeit und Balsam für geschlagene Verwundungen.
Was die Sinne für das Lebensdienliche durch die Raserei technologischen Fortschritts und konsumistischer Versklavung fortwährend betäubt und das Leben in einer Fluchtbewegung vor dem Wesentlichen gehalten hat, muss zurückbleiben. Ohne Wehmut und ohne sentimentale Blicke über die Schulter der Zeit. Sonst kann sich Wandlung nicht vollziehen. Und dann gibt es auch keine Anschlussfähigkeit zu anderen Menschen, die gleichfalls der Erfahrung durch Wandlung bedürfen.
Das Wunderland ist das Sehnsuchtsland des Menschen. Es konstituiert Sinn in einem zeitübergreifenden Verständnis. Vordergründigkeiten, Haben-Wollen und Begehren können die Grenze nicht passieren. Es geht um Lebensorientierung und nicht um Besitzverhältnisse. Und auch eine Rationalität stocksteifer Nüchternheit wird außen vor bleiben; hat sie doch nicht einmal eine Ahnung von dem Ersehnten.
Für das Wunderbare bedarf die Erde keiner neuen Schöpfung, stellt es doch bereits ein Wunder dar, dass alles schon da ist – als bloßes Sein in der unfassbaren Komplexität und Schönheit des Lebens. Das Urwunder.
Von diesem Gedanken her kommend, möge es dann ja sogar sein, dass zum Wunder taugen und reichen würde, das bereits Vorhandene in seinen unerschöpflichen Möglichkeiten endlich zu sehen und ihm nicht in sein Entfaltungsrecht zu pfuschen. Gesehen werden allerdings will es mit dem Spürsinn des Herzens und nicht dem verklemmten Behaupten sogenannter Vernunft.
So gedacht, lässt sich das Wunder als die Öffnung unseres Innenraums beschreiben und als das Zulassen einer bereits vorhandenen und lediglich als neu empfundenen Wirklichkeit. Wenn solches sich als Geschehnis im einzelnen Menschen ermöglichen mag, warum nicht auch in der Weltseele des Menschentums. Solches anzustoßen, scheint mir unser tieferer Sinn.
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