Fluss und Windhauch

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Siddhartha, der als Romangestalt von Hermann Hesse den Weg des Buddha verkörpert, begegnet nach nahezu alles beinhaltenden Lebensstationen einem alten Fährmann namens Vasudeva. Dieser wird sein letzter Lehrer. Er lehrt ihn das Hören: auf die der Ewigkeit entspringende Stimme des Flusses, die auch sein Meister war.
Lange leben die beiden Alten in der kargen Hütte am Wasser. Nur wenige Worte teilen sie, und wenn, so sind sie reiflich bedacht. Eines Tages fragt Siddhartha:
„Hast auch du vom Flusse jenes Geheimnis gelernt: daß es keine Zeit gibt?“
„Ja, Siddhartha. Es ist doch dieses, was du meinst: daß der Fluss überall zugleich ist, am Ursprung und an der Mündung, am Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge, überall, zugleich, und daß es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den Schatten Zukunft?“
„Dies ist es“, sagt Siddharta. „Und als ich es gelernt hatte, da sah ich mein Leben an, und es war auch ein Fluß…“

Im Fließen liegt die Beständigkeit; in der Bewegung das Ankommen; in der Gegenwärtigkeit die Aufhebung von Vergangenheit und Zukunft. Der Fluß lehrt, dass nichts zu halten ist, ausnahmslos alles im wahrsten Sinne des Wortes zerfließt. Ewigkeit will so nicht als ein Zustand gesehen werden, sondern als Bewegung.

Menschen aber sammeln, gedenken zu halten, was schon nicht mehr so ist, wie es der erste Augenschein einstens suggerierte. Sie wollen zurückkehren zu einem Zustand, den sie als erstrebenswert empfinden im Vergleich mit dem Gegenwärtigen. Doch der Fluß, an den sie sich erinnern, wie er sich kraftvoll und in Mäandern durch grüne Auen bewegte, hat bereits das Meer erreicht, um bald wieder die Bergquelle zu nähren.
An dieses Bild erinnern mich die hilflosen Versprechen derer, die uns regieren, wenn sie in pandemischen Zeiten das Es wird alles irgendwann wieder gut und wie es einmal war beschwören.
Solches streichelt wohl die Beständigkeitsseele mancher Bürger, narkotisiert aber auch im Bewusstsein die Prozess- und Aufbruchsenergie. Veränderung findet selbstredend trotzdem statt, aber sie ist nicht durch die Menschen auf eine notwendige Sehnsucht hin gestaltet. Du bist dann nicht das Bewusstsein des Flusses, sondern wirst in ihm getrieben. Du bist die Kugel auf dem Billardtisch, die von fremder Hand gestoßen, sich bewegt; aber eben nicht der Geist, der die Bewegung bereits vorweggenommen hatte, bevor sie zur Energie wurde.

Siddharthas Weg und sein Erkennen bringen einige durch die Jahrtausende hindurch entstandene Schriften in ähnlichen Bildern zum Ausdruck. Es sind jene, die den Namen Weisheit tragen. Zu den nach meinem Empfinden schönsten dieser Texte gehört das Buch „Kohelet“ in der Hebräischen Bibel, die auch das Alte Testament genannt wird.
In Kohelet finden wir u.a. die bekannten Verse darüber, das alles seine Zeit und seine Stunde habe. Kohelet, auch als „Prediger“ bezeichnet, weist auf die dem Gewordenen innewohnende Vergänglichkeit hin und die Transformation aller Seinsprozesse durch die Äonen hindurch. „Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen.“
Die Akzentuierung der Vergänglichkeit hat dem Text durch manche Interpreten den Beiklang der Schwermut und des Fatalismus eingebracht. Man mag das so sehen. Doch er zielt in meinen Augen eher auf das Gegenteil. Kohelet lenkt im Verweis auf das Verwehen den Blick zur Freude am Sein – wenn man sich von den Illusionen befreit, etwas halten zu können, Vergangenheit zu verklären und Zukunft als den Hoffnungsraum misszuverstehen, in dem einmal all das Schöne sein wird, das du im Moment vermisst. Nimm das Besondere dieses Moments wahr, denke an das Erhabene zu jeder Zeit, schon in den frühen Jahren, ehe die Tage dich erreichen, „von denen du sagen wirst: Ich mag sie nicht!“

Menschen lehnen sich an das mit Mühen Erworbene an, hoffend, nun sei Sicherheit da. In all dem Streben, sich Strecken, Zugreifen und Festhalten werden sie im Letzten von Seinsangst regiert, die sie als Vorsorge verklären. Und dann entgleitet der Augenblick in seiner Fülle, zu der nicht nur das Lachen, sondern auch das Weinen, nicht nur die Geburt, sondern auch das Vergehen, nicht nur die Leichtigkeit, sondern auch die Mühsal gehören.
Achte den Tag, achte die Nacht, erinnert der Prediger. Du bist das Leben – im Sein und Werden und Vergehen. Größeres gibt es nicht, „bis der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war und der Atem zu dem zurückkehrt, aus dem er stammt.“

„Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet,  
das ist alles Windhauch.
Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz,
für den er sich anstrengt unter der Sonne?“


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