Der Geheimnisraum

clausAllgemein

Das Verborgene und Geheimnishafte übt seit je eine große Faszination aus. Es wird zum Anziehenden und bleibt es nur, wenn ihm nicht mit der Absicht der Entblößung und der Entschleierung begegnet wird, sondern mit respektvoller Distanz. Lediglich zu vermuten oder zu erahnen, was sich nicht in Gänze zeigt und den Sinnen nicht auf eine Nähe heranrückt, in der alles offenbar wird, ist gleichwohl für viele Menschen ein Stachel im Fleisch ihrer Neugier, die letztlich jedoch wohl sowieso nie zu stillen wäre.

Jeder Mensch hat seinen Geheimnisraum, den er mit einem Schleier verdeckt, um ihn vor zudringlichen Blicken und inquisitorischen Fragen zu schützen. Jener Raum mag manchmal Banales, der äußeren Welt unangemessen Erscheinendes und entsprechend mit Scham Verbundenes in sich bergen; doch in ihm bewegen sich auch unsere tiefsten Sehnsüchte und Träume, so manche Angst und Sorge, tiefe geistige Erfahrungen und vielleicht eine letzte, unbegründbare Hoffnung. Alle haben etwas Zerbrechliches, ja vielleicht schon Gebrochenes, das trotzdem weiterlebt, um vielleicht neu zusammenzuwachsen.
So manches in unserer Seelenwelt scheut das Licht und die Begegnung – nicht, weil es das Licht verachtet, sondern weil das Dunkle und der Schatten eine Zartheit schützen, die im Licht verbrennen würde. Und es herrscht Licht, das dein Innerstes durchdringt, wenn du etwas preisgegeben hast, ohne es wirklich zu wollen.
So bewegt sich an der Seite des Geheimnisses das Schweigen, genau wie es bei jedem Mysterium des Glaubens die einzig angemessene Weise des Sprechens ist. Langsamkeit, Zurückhaltung und ein unaufdringliches Schweigen formen somit die vornehme Haltung dem Verborgenen gegenüber. Das mag für eine pornographische Gesellschaft, die alles ans Licht zerren und mit kaltem Neon und digitalen Blitzen durchstrahlen will, eine Zumutung sein.

Georg Simmel (1858 – 1918), Soziologe und Kulturphilosoph, maß dem Geheimnis „eine ungeheure Erweiterung des Lebens“ zu. Es böte sozusagen die Möglichkeit einer zweiten Welt neben der offenbaren. Höchste Werte nehme es in sich auf, „so die feine Scham der vornehmen Seele, die gerade ihr Bestes verbirgt, um es sich nicht durch Lob und Lohn bezahlen zu lassen; denn hiernach besitzt man zwar das Entgelt, aber nicht den eigentlichen Wert selbst mehr.“

Man kann das wohl gehütete Geheimnis als Schwäche deuten.
Da hat eine(r) etwas zu verbergen, stellt sich nicht der Auseinandersetzung, weicht feige und unehrlich Klärungen aus.
Doch das Geheimnis, das sich nicht auf schwere Verfehlungen bezieht oder auf etwas, das willentlich einem gelingenden Miteinander vorenthalten wird und es damit schwächt, stützt einen Menschen auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit. Es stärkt da, wo ansonsten die Gefahr bestünde, zum Spielball der Begierden und Interessen anderer zu werden. Schließlich ist Schweigen hinsichtlich eines Geheimnisses nicht verschweigen, nicht vorenthalten. Denn auf das, was im tiefsten Sinne meines ist, kann niemand einen Anspruch einfordern. Zu dem inneren Universum eines Menschen gibt es kein Zutrittsrecht. Und so bestimme ich auch selbst die Öffnungsregeln.

Das Geheimnis gleicht einem Edelstein. Er muss nicht auf Dauer in dir verborgen sein. Doch du hältst ihn nicht auf dem Marktplatz in die Höhe. Er verlöre im Gerede der Menge jeglichen Glanz. Du würdest geschwächt. Wird jedoch ein wahrhaft vertrauter Mensch eingeweiht, das Geheimnis mit ihm aus einem inneren Bedürfnis heraus geteilt, geht damit nicht nur möglicherweise eine Lösung jener Spannung einher, in der uns jedes tiefe Geheimnis immer hält; es erweitert sich auch der Geheimnisraum selber. Und in diesem wird die Beziehung zu einem Menschen auf ein neues, höheres Niveau gehoben.

Denn das Geheimniß,
das zween Menschen eigen —
Verbindet sie auf ewig,
wenn sie schweigen!
(Alma Leschivo)

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