Für eine kurze Spanne nur eingebunden in den Fluss des Ewigen, blicken wir fortwährend in den Spiegel unserer Endlichkeit. Das alleine wäre als existentielle Kränkung schon hinreichend. Doch Endlichkeit als Begrenztheit und Begrenzung setzt sich als Seinsprinzip fort. Sie spart nichts aus. Dem einen fällt das gar nicht auf, ist Teil seines unhinterfragten Selbstverständnisses. Der anderen wird zur stetig neuen Herausforderung, Streben und Verwirklichungschance mit einander in Einklang zu bringen. Das hat dann etwas von alltäglicher Wallfahrt.
Ohnmacht wird dabei zur treuen Freundin. Scheitern ein verlässlicher Wegbegleiter. Verzagen tritt ein in diesen Kreis der Vertrauten, zu denen sich gelegentlich allerdings auch die Unermüdlichkeit und ein Aufbegehren gesellt, dessen Trotz an Sisyphos denken lässt. Man erinnere sich; das war der mit dem Stein auf alle Ewigkeit. Aus der Strafe der Götter machte er seine Berufung – zumindest, wenn wir bereit sind, uns der Deutung von Albert Camus in seinem „Mythos des Sisyphos“ anzuschließen.
So weit der Rahmen, innerhalb dessen jeder verurteilt bzw. befreit ist, sein ganz eigenes Lebensgemälde zu zeichnen. Ob die Farben darin düster und schwer, hell leuchtend oder zu einer Melange zerfließend sind; ob der Stift sich mit leichter Hand geführt oder verkrampft einer Vorstellung folgend sieht: Das ist eine zu treffende Wahl, die allerdings keinerlei Beständigkeit verspricht. Denn es sind zumeist schwankende Gefühle, die – auch wenn sie wahrlich nicht zur Lehrmeisterin in der Schule der Endlichkeit taugen – doch im Ringen mit überzeitlicher Gelassenheit zumeist obsiegen.
Sich als schwach, ja ohnmächtig zu erleben, könnte für den Prozess der Selbstreflexion ambivalenter nicht sein. Das ist den Ursachen für diese Zustände geschuldet. Manche Situationen stoßen uns unbarmherzig auf die Tatsache, dass es an dem Punkt, an dem wir angelangt sind, nicht weitergeht. Die bekannten Mittel versagen, vertraute Wege münden in Sackgassen. Aber wäre es ja nur das! Oft heißt Ohnmacht, purer Willkür ausgeliefert zu sein. Geschieht diese durch Menschen lässt sie sich wenigstens adressieren. Anders ist das bei deutungsleeren Situationen und Ereignissen. Wahllos Menschenopfer fordernde Naturkatastrophen gehören dazu, genau wie Unglücke und jene Verbrechen, in denen es keine konkrete Opfer-Täter-Geschichte gibt. Als Zufallsdesaster überrollen sie jede Berechenbarkeit und jeden perspektivischen Horizont. Nackte Hilflosigkeit steht übermächtiger Gewalt gegenüber. Solchen Widerfahrnissen ohne Chance der Reaktion nachträglich irgendeinen Sinn zuzuweisen, verkümmert dann zu einer zitternden Geste der Hilflosigkeit. Hier ist deshalb begriffliches Nachschärfen erforderlich.
Von dem, was aus dem Dunkel heraus und im Dunkel des Verstehens verbleibend, sich gewalthaft übermächtig ereignet, sollte von „Verhängnis“ gesprochen werden. Aus eigener Kraft gibt es hier kein Entkommen. Ohnmacht als Grenzerfahrung hält demgegenüber immer Optionen der Entwicklung von Situation und Person im Spiel. In jeder Ohnmacht ruht potentiell ihr Gegenteil, ein das Alte hinter sich lassender Neuentwurf, der in die Gestaltung führt.
Das Zugeständnis der Handlungsgrenzen und das Akzeptieren von Ohnmacht, kann in Verbindung mit dem Drang, beides in seinen Gründen wirklich zu verstehen, zur entscheidenden Selbstfindung führen. Wir lernen in unseren persönlichen Kräften zu ruhen. Sie erweisen sich als Teil eines unendlichen Kraftstromes, der jedes Leben auf jeweils ganz eigene Weise trägt. Daraus kann die persönliche Lebensenergie gezogen und mit ihr vielleicht sogar manche der gegebenen und manchmal auch nur gegeben scheinenden Grenzen überwunden werden. In dieser Dialektik bewahrheitet sich der zunächst paradox klingende Satz, dass, je tiefer der Mensch in Ohnmacht versetzt ist, desto mehr sich sein eigentliches Wesen enthüllt. Als Fruchtbarkeit bewältigter Niederlagen vermag dann seine Größe und Schönheit in neuer Klarheit sichtbar werden. Ihr eigen erwächst eine Haltung, die sich selbst inmitten dramatischer Transformationen von Natur, Kultur und persönlichem Schicksal als widerstandsfähig und keinerlei Versklavung duldend erweist. Es ist jene Haltung, die gerade im Respektieren der Tatsache, aus dem Spiel genommen zu sein, durchatmend den Blick auf neue Perspektiven richtet. Im Desaster eines Scheiterns erinnert sie daran, dass uns Flügel gegeben sind. Sie tragen aus der Begrenzung und leiten das Bewusstsein in ein Schweben über dem beharrlich dahinfließenden Zeitenstrom. Von dort öffnen sich Horizonte, die dem Maulwurfmenschen nie gegeben sind. Der Himmel steht offen und auf der Erde formen sich die Wege im Gehen.
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