Langsam füllt Dunkelheit den Raum, und die kleine Kerze auf dem Ecktisch neben dem Fenster verwandelt sich synchron zu hellem Lichtschein. Sie wirft Schatten, die ein eigenes Leben führen, heraustretend aus dem Nichts, in dem sie ansonsten identitätslos verweilen.
Schatten bedürfen, ja sind Abkömmlinge des Lichts, allerdings ohne eigene Lebensperspektive. Sie ziehen sich hinter ihren Lebensspender zurück. Die direkte Begegnung hieße unmittelbarer Tod. Und auch wenn der Kerzenschein schwächer wird oder erlischt und man meinen könnte, jetzt käme ihre Stunde – erblassen sie zur Konturenlosigkeit. Solche Schatten haben nur eine scheinbare Eigenexistenz, die aus sich selbst heraus nicht sein kann; sie ist heteronom.
Wenn wir uns mit Schatten, wo immer sie herumwesen, beschäftigen, sollte der Blick sich deshalb gar nicht so sehr auf sie richten, sondern auf das Licht, das sie hervorbringt. Dessen Intensität oder Schwäche erklären den Schatten, machen ihn besser verstehbar. Veränderungen in der Schattenwelt finden ihre Ursache im Wandel des Lichts. Es gibt keine Lichtgestalten, die nicht auch für Schattenexistenzen verantwortlich sind.
Der Mensch hat ein Recht auf Schatten, sind sie ihm doch naturhaft beigegeben. Im Außen und im seelischen Innen. Physikalisch und psychologisch. Sie schützen vor so manchem Licht, das schmerzhaft blendet; das Stille stört und die sanften Schleier der Behutsamkeit mit seiner Schärfe grell zerreißt. Sie halten im Verborgenen, was sich der Wahrnehmung entziehen will. Wir müssen in den Schatten zurücktreten, ja in ihn flüchten dürfen, um unsichtbar zu werden für die gierigen Blicke der Anderen und auch um uns einmal selbst auszuweichen. Stehen manche Schatten doch für unsere dunklen Seiten.
Deren Reich ist voller Dunkeltiefen. Als natürlichem Teil der Psyche leben in ihm Seiten der Persönlichkeit, die unserem Selbst- und dem vermuteten Fremdbild widersprechen und die wir entsprechend ablehnen; von denen wir wissen bzw. zu wissen glauben, dass sie sozialen und kulturellen Normen widersprechen; so manches Verdrängte und Unbewusste kommt hinzu.
Im Schattenkomplex verbergen sich jedoch auch positive Potentiale, zu denen ein Mensch sich nicht bekennen mag, von denen er glaubt, dass sie ihm nicht zustehen oder er sich nicht traut, sie zu leben, weil er unangenehme oder verletzende Reaktionen aus seinem Bezugsfeld fürchtet.
Nehmen wir die Signale und Hinweise der uns nahen Menschen, die Spiegelungen, die wir erfahren, nicht auf angemessene Weise wahr, bleiben uns so manche Schatten verborgen. Doch auch das Verborgene wirkt, kostet Kraft und Energie, behindert freie Entfaltung. Die Auseinandersetzung mit unseren Schattenwelten ist deshalb existentiell.
Sie beginnt damit, das Schatten Genannte zunächst überhaupt zu erkennen. Das ist die Voraussetzung dafür es anzunehmen. Sich intensiv in den Charakter, die Facetten und die Erscheinungsweisen eines Schattens einzuleben, gehört dazu, genau wie mit eng vertrauten Menschen darüber zu kommunizieren. Bereits das Ansprechen und Aussprechen verändert, wandelt, auch den Schatten selbst. So kann ich beginnen, ihn zu verstehen, was die Voraussetzung dafür ist ihn zu respektieren und als Teil meiner Persönlichkeit zu integrieren.
Schatten und Licht bilden eine Einheit. Ein Mensch wächst in seine Ganzheit durch Akzeptanz und Integration der Schattenseiten. Lichtvolles tritt dadurch nur um so klarer in Erscheinung. Und Jenes, was sich vorher missachtet oder ausgegrenzt sah, erhält durch seine Akzeptanz ein sanfteres Wesen. Mag sein, dass es sich dann langsam auf das Lichthafte zubewegt und eines Tages sogar in ihm auflöst und so selbst zum Licht wird. Anders als bei den Schatten des Kerzenlichts, deren Natur einer Wandlung entgegensteht.
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