Der Zustand der Menscheninnenwelten lässt direkte Rückschlüsse auf die „äußeren“ Verhältnisse in einem Lande zu – sozial, politisch, kulturell. So verwundert es wahrlich nicht, dass in den vergangenen 10 Jahren die Zahl der psychotherapeutisch und psychiatrisch behandelten Patienten und Patientinnen von 4,61 auf 7,24 Millionen gestiegen ist. 14,6 Millionen Behandlungsfällen pro Jahr stehen 36.000 Therapeuten gegenüber. Vor 10 Jahren waren es noch 22.500 – laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
Was aber ist ein „Behandlungsfall“ bzw. in welche Beziehung dazu stellen sich der Psychotherapeut und die Psychiaterin? Diese Frage ist von erheblichem Belang.
Joachim Galuska, einer der erfahrensten Fachärzte für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Psychiatrie sowie Begründer mehrerer entsprechender Kliniken hat dazu ein außerordentliches Werk vorgelegt. Seine jahrzehntelangen Erfahrungen finden darin einen beeindruckenden und verständlichen Ausdruck. Vor allem nimmt er hinsichtlich der therapeutischen Wirksamkeit einen Aspekt in den Fokus, der gemeinhin übersehen wird. Es geht um die innere Haltung des Therapeuten und seine Beheimatung in einem bestimmten therapeutischen System. Denn kaum etwas ist im Gesundheitswesen so zersplittert wie die Psychotherapie – in unterschiedlichste therapeutische Schulen, die zumeist jeweils nur sich für das Maß aller Dinge halten. In der Folge entsteht ein möglicherweise dramatisches Problem. Der Therapeut konstruiert sich das Bild seines Patienten innerhalb der Koordinaten seiner schulischen Orientierung. Und entsprechend behandelt er mit dem ihm vertrauten Instrumentarium diese Konstruktion, aber nicht den ganzen Menschen. Zweifellos hat jede Schule ihre Berechtigung und ihre Vorzüge. Aber sie absolut zu setzen, reduziert die Offenheit und Freiheit in der Zuwendung zu einem Patienten auf die Freiheit einer Lokomotive im Schienennetz. Diese Zeiten sollten im Vorzeichen eines integralen Denkens wahrhaft vorbei sein.
In seinem Entwurf einer beseelten psychosomatischen Medizin holt Joachim Galuska den Menschen als Ganzheit ins Zentrum. Er verwirft dabei nicht die bekannten Schulen, sondern integriert sie von übergeordneter Warte aus. Für den Therapeuten geht es dabei darum zu lernen, von seiner eigenen Perspektive zu abstrahieren. Nur so kann er sich dem Gegenüber in einer intuitiven Offenheit zuwenden, aus der dann die Einzigkeit eines Menschen in seiner jeweiligen Ausdrucksweise spricht, seinem Idiolekt. Dazu ist es notwendig, dass die Therapeutin sich in ihrem eigenen Seelenraum und dem transpersonalen Seelenfeld, das weit über sie hinausreicht, beheimatet. So wird Verengung überwunden und vermag sich das Bewusstsein in verschiedenste Richtungen auszurichten. Dann können ggf. auch manche psychische Krisen als spirituelle Krisen erkannt werden, was ja noch immer einen blinden Fleck in der vorherrschenden Psychologie und Psychotherapie darstellt.
Das Buch verbleibt nicht bei Analyse, Kritik und Neuentwurf. Es beinhaltet zahlreiche starke Übungen, die Annäherung an einen Bereich ermöglichen, der kognitiv/sprachlich nur unzureichend zu erfassen ist. Denn Seele ist nicht messbar, weswegen sie in einer Medizin, die ausschließlich dem naturwissenschaftlichen Paradigma folgt, ja auch nicht vorkommt.
Kontemplativ-lyrische Lichtpunkte machen den Text zu einer Lesefreude.
Hier schreibt und spricht ein Visionär und Pionier. „Die Seele des Psychotherapeuten“ liefert vor allem aber auch den Beleg dafür, wie es gehen kann, von einer Vision zur konkreten Utopie und von dort in die direkte Gestaltung zu gelangen.
Dr. Joachim Galuska: Die Seele des Psychotherapeuten. Wie sie in der Therapie wirkt und zu einer gelingenden Behandlung beiträgt. München 2026, Kösel Verlag, 318 Seiten, 28 €

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