Sehnsucht und Heimat

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In vielen Menschen lebt ein unsterblicher Sehnsuchts- und Unendlichkeitsdrang. Er führt den Blick zu den Sternen. Die Augen wandern in Fernen, in denen uns etwas Geheimnisvolles anzieht. Du meinst zu spüren, dass dich das ruft, woher du kommst.

Es gibt Visionäre, die sehen die Zukunft der Menschheit in den Weiten des Alls. Andere Planeten sollen Überleben sichern, wenn die Bedingungen dafür auf der Erde vernichtet sind; durch Raubbau an Allem, die Vernichtung der Vielfalt; durch eine zügellose Vermehrung; durch Gedankenlosigkeit und vor allem fehlende Liebe zu dem, was uns trägt. Der Astrophysiker Stephen Hawking (1942-2018)  etwa mahnte, frühzeitig nach (Antriebs-) Wegen zu suchen, um Aufbruch und Abschied vorzubereiten.
Doch die Sehnsucht, verstärkt durch das geheimnisvolle Blinken aus einem zutiefst geheimnisvollen Universum ist das Eine. Würden wir leibhaftig darin eintauchen und nach neuer Heimat suchen, wäre es für uns Menschen einfach nur kalt, unwirtlich, leer, in einer endlosen auseinanderstrebenden Weite… Spätestens dann würde bewusst, dass wir neben Mutter Erde keine zweite Mutter haben, die so für uns sorgt.

Menschen können nicht leben ohne Wärme, ohne Nähe, ohne Berührung, ohne Luft und nicht ohne Wasser und ohne Sonne, die uns wärmt, aber nicht verbrennt. Wir können nicht leben ohne die Tiere, die Pflanzen, die Elemente, den von Schönheit beseelten Reigen dessen, was wir Schöpfung nennen. Zwar ist die Erde nicht für uns gemacht; schon Milliarden Jahre, bevor wir kamen, war sie da. Und sie wird wohl noch Milliarden Jahre sein, wenn wir schon lange wieder gegangen sind. Doch wir sind aus Erde gemacht, sind Erde durch und durch, in jeder Zelle unseres Leibes.
Zudem: Da „draußen“ ist kein Gott, kein Engel, keine uns tragende geistige Welt. Was wir das Göttliche nennen, entsteht und ist spürbar nur dort, wo es in Resonanz mit dem steht, das es ersehnt, erspürt, erahnt, erhofft, erfleht, erliebt…

Der große christliche Mystiker und Evolutionsforscher Teilhard de Chardin (1881 – 1955) sprach von der Noosphäre, der geistigen Sphäre, die den Erdball umgibt wie die Atmosphäre. Sie nährt unsere Sehnsucht, unser spirituelles und kulturelles Wachstum, unseren Entwicklungs- und Verwirklichungsdrang. Doch diese geistige Sphäre ist eine Geburt der terranen Evolution, untrennbar verbunden mit der Symbiose irdischer, menschlicher und  transzendenter Energien.

Unsere Unendlichkeitssehnsucht ist mit unsere kostbarste Wesenheit, gerade auch, wenn sie im Blick zu den Sternen einen besonderen Ausdruck findet und sich darin zu verlieren droht. Und so vergeht kein Abend, keine Nacht, in denen nicht zahllose Menschen diesen Sog verspüren und den Blick zum Himmel führen. Manchmal schenkt nur dieses Schauen noch Entlastung von der Konfrontation mit jenen menschlichen Wesenheiten, über die Hermann Hesse seine Romangestalt Goldmund klagen lässt:
„Nichts sahen sie, diese Menschen, nichts merkten und wußten sie,
nichts sprach zu ihnen! Einerlei, ob da ein holdes Tier vor ihren Augen verreckte…nichts sahen sie, nichts ergriff sie!“
Hoffnungslos und sinnlos und furchtbar erscheint Goldmund alles, bis ihm „plötzlich eine Freude aufblüht…im Riechen einer Blume, im Spielen mit einer Katze…“ bis in ihm „das kindliche Einverstandensein mit dem Leben wieder zurückkehrt.“

Dann, so mag man nun sagen, erwächst auch das Einverstandensein mit unserem Sein auf  der Erde, dem Ort, der uns gegeben und uns anvertraut wurde. Und dann ersteht zugleich die Gewissheit: Es rettet uns keine Flucht, kein Drang zur Überwindung dessen, was uns einst als Paradies übergeben wurde. Es rettet uns nur die Hingabe an das Leben, der bedingungslose Kampf für die Schönheit, die Würde und Erhabenheit des Seins. Und der Blick zu den Sternen behält dann seine geheimnisvolle Kostbarkeit. In ihm erhalten wir die Sehnsucht nach dem Größeren und Unfasslichen; in ihm stellen wir uns unserer Polarität: ganz Kind der Erde und zugleich Kind des Universums zu sein. 

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