Wahre Ehrfurcht

clausAllgemein

Ein großes und eigentlich unentschuldbares Missverständnis beherrscht bis heute die meisten Religionen. So ehrt man den Schöpfungsgrund und betet ihn an, während man in der Lebenspraxis gleichzeitig meint, die Schöpfung selber ausbeuten und schänden zu können. Doch das Leben und der Impuls, dem es entstammt, sind nicht zu trennen.

In seiner universalen Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“, will Albert Schweitzer (1875-1965) die Menschheit entsprechend auf die rechte Spur führen. Denn weit reicht diese Seinsbetrachtung über das in ihr Formulierte hinaus. Sie verweist neben dem Leben, das leben will, inmitten von anderem Leben, das gleichfalls leben will, auf den ewigen Urgrund, dem alles Werden entstammt. Hier, im göttlichen Prinzip, im Werdegrunde findet jegliche Ehrfurcht ihren Ausgangspunkt und den Beginn, der von hier an und von nun an alles umfasst. Wo die Ehrfurcht vor dem Absoluten sich wirklich ehrlich und authentisch regt, kann dies weder gedacht noch empfunden werden ohne Demut allem Gewordenen gegenüber.

Dass inmitten des unermesslichen Reiches unendlich vieler Galaxien ein kleiner Planet so positioniert ist, dass er diese unerschöpfliche Fülle an Lebensformen, an verzaubernden und nährenden Elementen in einem Fluss des Werdens immer wieder neu hervorbringt – ich verneige mich still…

Nie werden wir den Grund des Werdens verstehen. Mag ein Urknall am Beginn gestanden haben – doch was löste ihn aus, und was war vorher? Aus „Nichts“ kann nichts kommen. „Leere“ kann sich nicht in Materie eines Ausmaßes verwandeln, das keine vom Menschen erdachte Größenordnung und Klassifizierung je wird auch nur ansatzweise erfassen und in Worte bringen können. So bleiben an dieser Stelle nur Demut, Ehrfurcht, Dankbarkeit und grenzenloser Respekt. Dies verdient auch das „Element Geist“, das in der Lage ist, vieles wenigstens doch zu erkennen und dem Universum damit etwas von seiner Erhabenheit als Bewusstsein zu spiegeln.

Solche Gedanken, die ja wahrlich nicht neu sind, scheinen mir heute nicht nur eine Spielwiese für philosophische Reflexionen zu sein. Sie wollen erinnern, dass wir alle aus Sternenstaub geformt sind und in allem, jeder auch noch so unbedeutend erscheinenden Kreatur, in jedem Blick zu den Sternen und in jeder Quelle und jedem Sturm der Schöpfungsgrund uns anschaut.
Differenzierung und Unterschiedlichkeit sind in diesem kosmischen Reigen das Wesen des Werdens, Trennung jedoch lediglich eine menschliche Kopfgeburt, wenn auch hinsichtlich der daraus sich ergebenden Verhaltensweisen mit dramatischen Folgen. Albert Schweitzer:
„Und Du vertiefst Dich ins Leben, schaust mit sehenden Augen in das gewaltige, belebte Chaos dieses Seins, dann ergreift es Dich plötzlich wie ein Schwindel. In allem findest Du Dich wieder… überall wo Du Leben siehst – das bist Du!“

Wahre Ehrfurcht hat somit einen Doppelcharakter. Das „Gott“ genannte Unendliche, in dem wir ruhen, führt uns als Ausgangs- und Endpunkt zugleich zu ihr hin. Wir können nicht anders. Daraus erwächst sie dann auch allem Gewordenen gegenüber. Und wende ich mich bewusst dem Leben zu, und bin durch erkennendes Denken und empathische Empfindung von Ehrfurcht berührt, so schließt sie als innere Regung das Göttliche unweigerlich mit ein.

Der Mensch wird Mensch erst durch die Ehrfurcht, die in ihm lebt – als Leben inmitten von Leben, geboren und getragen durch den absoluten Impuls, der alles umgreift. Und es ist diese Ehrfurcht, die in eine unbedingte Bejahung des Seins mündet, in eine ins Grenzenlose ausgedehnte Liebe und damit auch eine überpersönliche Verantwortung. Sittliche Vollendung endet nun nicht mehr vor der Tür nichtmenschlichen Lebens. Werte sind fortan nur noch jene, die der Förderung, der Entfaltung und der Bewahrung des Lebens dienen.

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